George Ryan und Anthony Porter - zwei Bürger von Illinois
Dorothea Bott
George Ryan, geboren 1934 als Sohn eines Apothekers in Kankakee, promovierte als
Pharmazeut an der Butler University in Indiana. 1954 bis 1956 diente George Ryan in der
US Army, stationiert in Südkorea. 1956 heiratete er seine Schulfreundin Lura Lynn Lowe;
das Ehepaar hat sechs Kinder und vierzehn Enkel. 1966 begann der Republikaner seine
politische Karriere in Kankakee. Seit 1972 Abgeordneter im Parlament von Illinois, 1981
wurde er Sprecher dieses Hauses, 1982 Vizegouverneur und 1990 Staatssekretär, um
schließlich im Januar 1999 als Gouverneur vereidigt zu werden. Im ersten Jahr seiner
Amtszeit als Gouverneur musste er einmal den Vollzug einer Hinrichtung unterschreiben,
was er, obwohl es sich um einen besonders brutalen Mörder handelte, nach eigener
Aussage nur nach schwerem innerem Ringen tat. George Ryan gehört zu denen, die die
Todesstrafe in besonderen Fällen befürworten; diese Einstellung hat er bis heute nicht
geändert.
Anthony Porter wurde 1956 in einem Armenviertel Chicagos geboren. Der Schwarze mit
einem IQ von 51 schlug sich als Gelegenheitsdieb durch das Leben. 1982 wurde er verhaftet
und des Mordes angeklagt, nachdem in der Nacht zum 15.Januar in einem Park in
Chicago ein Pärchen, Jerry Hillard und Marylyn Green, mit Kopfschüssen exekutiert wor-den
war. Der Augenzeuge William Taylor behauptete, als Täter Anthony Porter erkannt zu
haben. Dieser wurde daraufhin zum Tode verurteilt. Im September 1998 sollte Anthony
Porter hingerichtet werden. Zwei Tage vorher wurde der Termin ausgesetzt, da der Oberste
Gerichtshof in Illinois die überprüfung der Zurechnungsfähigkeit Porters angeordnet hatte.
Und dann kam es zu einem neuen Verfahren: David Protess, Journalismusprofessor an der
Northwestern-University in Chicago, hatte den Fall Anthony Porter an einige seiner
Studenten als Recherche-übung übertragen. Und die hatten herausgefunden, was
eigentlich sechzehn Jahre zuvor Aufgabe der Polizei gewesen wäre: der Augenzeuge kon-nte
von seinem Standpunkt aus niemanden erkennen; er hatte ausgesagt, der Täter habe
mit der linken Hand geschossen, Porter ist aber Rechtshänder; schließlich gab Taylor an,
von der Polizei zu seiner Aussage gezwungen worden zu sein. Auch den wahren Mörder
konnten die Studenten ermitteln. Alstery Simon wurde wegen des Mordes an Jerry Hillard
und Marylyn Green zu 47 Jahren Haft verurteilt. Anthony Porter wurde am 5.Februar 1999
wegen erwiesener Unschuld freigelassen.
Seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1977 gab es in Illinois fast dreihundert Todesurteile.
Anthony Porter war der 13. Todeskandidat, dessen Urteil aufgehoben wurde. (In den USA
waren es bis Ende 1999 insgesamt 85.) Im gleichen Zeitraum wurde das Todesurteil an 12
Menschen vollstreckt. Am 31.Januar 2000 zog Gouverneur Ryan die Konsequenz: er verhängte
ein Moratorium, dass niemand hingerichtet werden darf, bis eine überprüfung des
Justizsystems stattgefunden hat und Maßnahmen ergriffen werden, die sicherstellen, dass
kein Unschuldiger hingerichtet wird. ,Ich kann ein System nicht unterstützen, das in der
Praxis mit solchen Fehlern behaftet ist und einen Albtraum wahr zu machen droht: dass der
Staat einem Unschuldigen das Leben nimmt. Solange ich nicht sicher sein kann, dass jeder
in Illinois zum Tode Verurteilte wirklich schuldig ist, solange ich nicht die völlige Gewissheit
habe, dass kein unschuldiger Mann und keine unschuldige Frau die tödliche Injektion
bekommt, solange wird niemand dieses Schicksal erleiden."
Die Todesstrafe ist in gewissen Fällen angebracht, an dieser Meinung hält George Ryan
nach wie vor fest. Ob allerdings die von ihm eingesetzte Arbeitsgruppe jemals zu dem
gewünschten Ergebnis kommt, bezweifelt er seit Januar 2000 immer mehr. Er erwarte
nicht, dass es während seiner Amtszeit zu einer Hinrichtung kommen werde, eine
Aussage, die er allerdings später relativiert hat: ,Was ich sagte, war: ohne dass diese
Arbeitsgruppe beweisen kann, dass das System perfekt ist, werde ich niemanden hin-richten
lassen. Und ich weiß nicht, ob das während meiner Amtszeit als Gouverneur,
zumindest während der gegenwärtigen, geschehen wird. Ich weiß nicht, ob das geschieht
oder nicht."
Einiges hat George Ryans Moratorium bisher schon bewirkt: es hat die Diskussion über die
Todesstrafe in Illinois und den USA verstärkt oder überhaupt erst angestoßen. Auch in
anderen Staaten wird ein solches Moratorium diskutiert, in die Politik eingebracht.
Meinungsumfragen ergeben, dass die Amerikaner langsam, aber stetig von der
Befürwortung der Todesstrafe abrücken. Todesstrafe gegen Unschuldige: Das wollte nie
jemand. Aber ist es möglich, solche Fehler auszuschließen ? Das wird nicht nur von
George Ryan bezweifelt. Und dahinter steht als Konsequenz: Nur die Abschaffung der
Todesstrafe kann völlige Gewissheit bringen. Für Illinois und die anderen 37 US-Staaten
mit Todesstrafe ist es sicher noch ein weiter Weg bis dahin. Ein Weg, der jetzt wenigstens
einmal begonnen wird. Menschen wie Anthony Porter gibt es in jedem Staat.
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