Animus

Das Wechselspiel von Tag und Nacht besteht fort wie seit Anbeginn der Zeiten; aber in der Zelle des Todestrakts von Texas ist das Tageslicht vom Dunkel der Nacht ununterscheidbar. Ein Zyklus ohne Bedeutung: Eine Veränderung der Vibrationen in der Luft ist das einzige, was uns signalisiert, dass ein Wechsel stattgefunden hat. Mechanisch nehmen wir zur Kenntnis, dass wieder ein Tag vergangen ist. Abstumpfung, Verhungern der Sinne: und in seiner endlosen Suche nach Anregungen behilft sich der Geist mit wilden Phantasien, Tänzen und einem Theater der Imagination; denn jenseits davon liegen die Tunnel des Nichts; mit ihren Wänden aus Verzweiflung, aus Nicht-Sein, eisigem Schweigen inmitten der Geräusche. Diejenigen, die das Glück schöner Erinnerungen haben, können manchmal für kurze Zeit der Realität der texanischen Todeskultur entfliehen, aber auch die Erinnerungen verschwimmen mit der Zeit, und zuletzt scheinen auch sie nur noch Einbildungen oder stürzen gänzlich in die Schwärze des Vergessens. Zwischen der erinnerten Wirklichkeit und den Phantasien der Einbildung gibt es keine klare Grenze.

Greifbarere Ablenkungen sind die Laute des Irrsinns. Menschen, die den Kampf um ihre Vernunft aufgegeben haben, schreien und hämmern gegen die Stahltüren, verlangen mit kehligem oder heulendem Geschrei die Anerkennung dessen, was sie zu brauchen glauben. Manchmal höre ich diesen oft unzusammenhängenden, unsinnigen Bitten zu und sehe durch den Schlitz in meiner Zellentür, wie die Wärter entweder schlafen oder sich über ihr Kontrollpanel lehnen, um sich zu amüsieren und Witze über das Geschrei des Verrückten zu machen. Für sie ist er eine Quelle der Erheiterung, der Anfang einer Geschichte, die schauerlich ausgeschmückt und am Abend den Freunden in der Bar oder der Liebsten im Bett erzählt wird, eine Drohung wie die Geschichten vom Schwarzen Mann, mit denen man die Kinder zum Gehorsam mahnt.

Ich bin seit 16 Jahren im Todestrakt, und es ist schon immer schlimm gewesen, aber so furchtbar war es zuvor noch nie. Ich habe fast 250 Männer und zwei Frauen in den Tod gehen sehen und dabei versucht, die Begeisterung der Amerikaner für staatlich sanktioniertes Töten zu begreifen; zugleich bin ich Zeuge gewesen, wie die zumindest nach außen hin menschliche Haltung, die früher bei den Wärtern und dem Verwaltungspersonal vorherrschend war, mehr und mehr umgeschlagen ist. Die amerikanische Bevölkerung ist überzeugt, dass die Kriminellen ja nur verwöhnt werden, und sie haben es satt: sie verlangen, dass mit den Annehmlichkeiten für Gefangene, und besonders für die im Todestrakt, Schluss gemacht wird. Besonders eifrige Verfechter dieser Forderung kontrollieren die Wahlkampfgelder; deshalb fahren die Gefängnisverantwortlichen jetzt die harte Linie. Mit reflexhaft verabschiedeten Gesetzen wird das Berufungsverfahren immer mehr gestrafft und seine Möglichkeiten beschnitten. Gleichzeitig wird den Gefangenen im Todestrakt für die Jahre, die ihnen bis zu ihrem Ende bleiben, das größtmögliche Leiden auferlegt. Wir können die Gefühle nicht ausloten, die in einem Menschen unter diesen Bedingungen zu wuchern beginnen, aber aus vielen Gesprächen habe ich Hinweise auf ihr Wesen bekommen.

Der Mann in der Zelle neben mir ist jung. Zum Zeitpunkt seines Verbrechens war er 17, jetzt ist er 24. Seit 6 Jahren sitzt er in der Todeszelle, und Amerika ist bereit, sein Leben zu opfern, um den Glauben der Bevölkerung an die Nützlichkeit der Todesstrafe zu stärken. Nicht einmal Kinder sind sicher vor der von Politikern und verlogenen Puritanern verbreiteten Illusion, dass die Gesellschaft sicherer wird, indem sie Verbrecher tötet, oder dass dadurch die Angehörigen von Opfern in ihrem Leid getröstet werden.

Dieser Junge und ich reden oft miteinander, um gemeinsam mit der Monotonie fertig zu werden. Neulich erzählte er mir, ihm sei beim Anstarren der Decke so langweilig geworden, dass er sich in die Zahnmedizinische Abteilung bringen und sich einen vollkommen gesunden Zahn ziehen ließ. Ich war entsetzt und fragte ihn, warum er das getan habe. Er sagte, es sei eben eine Möglichkeit gewesen, aus der Zelle zu kommen. Außerdem konnte er, sobald das Schmerzmittel nicht mehr wirkte, den Schmerz in seinem Zahnfleisch fühlen. Ich fragte ihn, ob ihm Schmerz gefällt. Er schien meine Frage für sexuell konnotiert zu halten und meinte nur, er sei "nicht so drauf", aber seit er hier ist, mag er den Adrenalinstoß, wenn er sich das Knie aufschürft, einen Faustschlag abkriegt oder eben einen Zahn gezogen bekommt. Seine Eltern waren beide heroinabhängig; seine Mutter, mit der er manchmal gemeinsam Heroin gespritzt hat, bis er ins Gefängnis kam, ist zur Zeit im Frauengefängnis in Texas. Und ihr Sohn ist inzwischen so kaputt, dass er den Schmerz braucht, um sich von seiner eigenen Existenz zu überzeugen. Je mehr wir von außen erniedrigt werden, desto mehr braucht dieser Junge den Schmerz, um die von allen Seiten herankriechende psychische Bedrohung, die Angstzustände abzuwehren. Den Wärtern, die sich, egal was passiert, einer zustimmenden Öffentlichkeit sicher sein können, sind diese Dinge vollkommen gleichgültig. Für sie sind dieser Junge und seine Mutter Müll: Bei der ersten besten Gelegenheit wird man sie entsorgen. Eine Haltung, die an die finstersten Zeiten der Weltgeschichte erinnert.

Der Wahnsinn nimmt viele Gestalten an. Ein Mann bekommt plötzlich Angst, dass sein Essen vergiftet ist. Er wirft all sein Hab und Gut, seine Gefängniskleidung und sein Bettzeug auf den Boden, steht am Ende nackt in seiner Zelle und hält eine Predigt über die Nichtexistenz des Todes und seine Gewissheit, dass jeder Mensch Gott ist. Andere verstümmeln sich selbst und versuchen, ihrem Elend durch den Schnitt mit einem scharfen Gegenstand zu entkommen; manche reißen ihre Haut mit den Zähnen auf, trinken ihr eigenes Blut und reißen ganze Fleischstücke aus ihrem eigenen Körper. Nirgends wird deutlicher, wie zerstörerisch unsere Lebensbedingungen hier sind: Diese Männer sind dieselben, die vor einiger Zeit noch am Arbeitsprogramm des Todestrakts teilgenommen haben, wo ihnen die geistige Anregung, der soziale Kontakt und ein gewisses Selbstwertgefühl halfen, normal zu bleiben. Das Programm ist inzwischen eingestellt worden. In nur wenigen Monaten wurden diese Männer zerstört: die Misshandlung, der wir ausgesetzt sind, die Verzerrung der Wahrnehmung, die damit einhergeht, die Verwirrung des Geistes und das Gefühl, dass die Wände sich endgültig um uns zusammenziehen, hat sie zu Kannibalen gemacht, die sich selbst auffressen. Die Nähte ihrer Stabilität sind geplatzt; schwach und einmal gestürzt, wie sie sind, können sie sich nicht mehr in das Irrenhaus dieser Gesellschaft integrieren.

Die Gefängnisleitung achtet auf die öffentliche Wahrnehmung und versucht, diese Wirklichkeit von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Weil es immer mehr Fälle von psychotischem Verhalten und Selbstmordversuchen unter den Todeskandidaten gibt, werden Repräsentanten der Psychologischen Abteilung des Gefängnisses in den Todestrakt geschickt. Sie sollen die Leute davon abhalten, sich den eigenen Körper aufzuschneiden. Sie gehen von Zelle zu Zelle und fragen jeden, ob er irgendwelche Probleme hat, wenn ja, soll er eine Untersuchung und medikamentöse Behandlung beantragen. Statt eine Umgebung zu schaffen, in der ein Mensch in der Lage ist, sich seine geistige Gesundheit zu erhalten, hält das Gefängnis für die, deren Sinne zerrüttet sind, eine andere Methode bereit: Psychopharmaka verwandeln diese Menschen in Zombies. Einer wurde so lange mit Medikamenten vollgepumpt, bis er an einer Vergiftung starb, zumal seinem Körper die notwendige Nahrung und Bewegung vorenthalten wurde, um mit den Nebenwirkungen fertigzuwerden. Danach wurde sein Körper wohl verbrannt; so geschah es jedenfalls mit dem Leichnam eines anderen, ebenfalls geistig verwirrten Mannes, der in der drückenden Hitze von Texas starb, nachdem sein Ventilator konfisziert worden war. Durch die Verbrennung des Toten ließen sich Fragen zu diesem verdächtigen Todesfall umgehen; die Todesursache war ja nicht mehr feststellbar. Im übrigen sorgen die Wärter schon für die richtige Stimmung draußen: Sie schreiben auch schon mal falsche Disziplinarberichte oder schikanieren ruhige Leute so lange, bis die sich dann wirklich ein Fehlverhalten zuschulden kommen lassen; dann lässt sich die ständige Repression in den Gefängnissen gegenüber der Öffentlichkeit wieder rechtfertigen.

Ironie der Pressefreiheit: Die amerikanischen Medien geben der Berichterstattung über die Hinrichtung Timothy McVeighs breiten Raum, machen sich aber nicht die Mühe, die Gräuel im tödlichsten Todestrakt des Landes zu untersuchen. Der Schafhirte, der einst mit der Sicherheit der Schafe betraut wurde, lässt die Wölfe nach Herzenslust die Herde zerfleischen. Währenddessen wird unsere Welt hier immer finsterer und unverständlicher; von der Menschheit verraten, werden wir von ohrenbetäubenden inneren Stimmen heimgesucht, die alles von außen Kommende übertönen. Wir, die wir geistig klar geblieben sind, müssen, um überhaupt ins Bewusstsein anderer gelangen zu können, den Schalldämpfer vom Motor unseres Geistes nehmen: Wir rülpsen, spucken und furzen uns den Weg ins Reich der Aufmerksamkeit frei, um das Gefühl zu bekämpfen, dass unsere Klage in einem Kerker der Taubstummen umherirrt, während jenseits der Mauern unseres Leidens der Lärm des äußeren Lebens gellt. Mit dem trunkenen Eifer von Büttenrednern verlangt das amerikanische Volk lauthals unser Leiden, und wenn jemand sie auf die Misshandlungen hinweist, denen wir ausgesetzt sind, werden sie arrogant. Um sich wieder ins Recht zu setzen, führen sie die von uns verübten Verbrechen ins Feld: ihre Rechtfertigung dafür, uns jegliches Recht abzusprechen; denn wenn wir keine Rechte haben, dann können sie auch nicht verletzt werden. Mit gewandter Rhetorik und scheinheiligen Argumenten werden wir zu Untermenschen erklärt und aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen: Damit sind wir des Schutzes durch die Gesetze beraubt, wie einst die amerikanischen Sklaven. Die Todesstrafe findet hier nur deshalb so starke Unterstützung, weil diejenigen, gegen die sie sich richtet, für die herrschende Kaste nichts als randständige Elemente sind; sie werden weniger als Menschen denn als Ungeziefer angesehen, das zu eliminieren sich die Elite berechtigt fühlt. Amerika, insbesondere der Süden, wo die Sklaverei am stärksten ausgeprägt war und wo es heute die meisten Hinrichtungen gibt, mag sich von dieser Einstellung nicht lösen, denn die Bewohner dieser romantischen und noch immer der Sezession verhafteten Region tun sich leichter damit, diejenigen, die "nicht zu uns gehören", zu töten, als damit, das Leben als schützenswertes Gut zu achten. Ohne es zu wollen, bestätigen sie damit, dass wir, die wir Verbrechen verübt haben, ihnen durchaus ähnlich sind, auch wenn uns ein anderes Schicksal trifft.

Die Wellen dieser Todeskultur übertragen sich auf unsere Wärter; und unsere Unterlegenheit spiegelt sich im schneidenden Blick ihrer Augen, der willkürlichen Zerstörung unserer Habseligkeiten, der Verachtung, mit der sie uns selbst Nagelfeilen und sonstige Utensilien, die uns beim Erhalt unserer Würde helfen könnten, vorenthalten. Wir gehen in unseren Zellen auf und ab, auf und ab, sehen den Hohn von den Wänden triefen, hören ihn im Knarren der Treppen zum nächsten Stockwerk, und fragen uns, wie unsere Menschenbrüder uns mit so viel Bösartigkeit begegnen können. Sicher, wir haben schlecht gehandelt; aber sind wir die Einzigen ? Oder einfach nur die, die erwischt worden sind ? Den Wärtern macht es Spaß, uns zu quälen: Unser Blut tropft nicht ins Wohnzimmer der anständigen Bürger, und so besteht keine Gefahr, dass ihre Feindseligkeit gegen uns durch Erbarmen gemildert wird.

Als die Insassen des Todestrakts im Gefängnis noch einer Arbeit nachgehen durften, also bevor wir letztes Jahr in dieses noch repressivere Gefängnis verlegt wurden, lag mein Arbeitsplatz in der Nähe der Zelle für die Todeswache: dort , wohin die Verurteilten kurz vor ihrer Hinrichtung gebracht wurden. Ich nahm Abschied von vielen dieser Menschen und sah ihre Trauer, ihre Angst, den Nihilismus der Resignation. Die Erkenntnis der völligen Ohnmacht, des geraubten, besiegten Stolzes - denn in der Tat, es gab nichts mehr, worauf sie hätten stolz sein können, der Preis des Überlebens in diesen quälenden Jahren war zu hoch gewesen. Ich habe in den frühen Morgenstunden das Schluchzen eines Mannes in Todesangst gehört, der betete, dass jemand zu ihm käme, vielleicht ein Engel, der die Hand auf seine Schulter legen und ihm sagen möge: "Du kämpfst nicht allein", aber der Vorhang des Unwiderruflichen war bereits gefallen, und die Einsamkeit, vor der er zu fliehen suchte, ließ ihn nicht mehr los. In solchen Augenblicken wird eines klar: Durch das Leiden allein wird ein Leben schon authentisch und reicht weiter als die Erniedrigung, die ihm das stumpfe Werkzeug der Autorität auferlegt.

Dante Alighieri hat uns ein drastisches Bild der Hölle gezeichnet, aber ich habe die Hölle in der Wirklichkeit kennengelernt. Stell dir vor, jemendem in die Augen zu blicken, der in wenigen Stunden tot sein wird, jemandem, den du jahrelang gekannt hast; und es gibt nichts, was du für ihn tun kannst. Stell dir vor, verzweifelt nach einem Wort des Trostes zu suchen, aber keines zu finden; sollst du ihm sagen, dass das Ziel dieses Systems nicht die Gerechtigkeit, sondern die Erzeugung eines politischen WirGefühls der Systemträger ist ? Stell dir vor, er bekommt zum letzten Mal Besuch von seiner Familie, wie sich der Magen zusammenkrampft, während der Moment immer näher kommt, in dem der Wärter sagen wird: "Schluss jetzt!". Zum letzten Mal sagen die Kinder Lebewohl, Söhne, Töchter oder Enkelkinder - ihnen ist klar, dass sie den Mann nie wieder lebend sehen werden, aber sie begreifen nicht, warum. Ihr schreckliches Weinen, als die Erwachsenen sie wegführen. Oft wird uns gesagt, dass der Verurteilte sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben hat, aber gilt das auch für seine Familie ? Welchen Fehltritt haben sie sich zuschulden kommen lassen, dass ihnen solches Leid aufgebürdet wird ? Das Leid und der Verlust, die den Hinterbliebenen eines Mordopfers zugefügt werden, sind herzzerreißend, aber wir wissen nicht im voraus, dass jemand den Mord begehen wird, und können deshalb weder ihn noch die Verzweiflung der Angehörigen verhindern. Die Todesstrafe dagegen ist ein Verfahren, das uns genau bekannt ist; wir kennen den Termin und die Uhrzeit der Hinrichtung und die Identität des Verurteilten, dennoch tun wir nichts, um das Hinzukommen weiterer verzweifelter und hasserfüllter Hinterbliebener zu verhindern. Man hat mir gesagt, ich solle aufhören zu jammern, jemand, der ein todeswürdiges Verbrechen begangen habe, habe allen Anspruch auf die Menschenrechte verwirkt. Aber dieses Denken ist kurzsichtig. Ein Mensch hört nicht auf, ein Mensch zu sein, ganz gleich, wie verabscheuungswürdig seine Tat war, und er hat ein Recht, als Mensch behandelt zu werden. Wenn wir ihm die Menschenrechte absprechen, läuft unser Handeln Gefahr, zu verrohen und selbst dem Gewaltverbrechen, das wir überwinden wollten, immer ähnlicher zu werden.

Wenn unser Kind ein anderes Kind prügelt, prügeln wir deshalb noch lange nicht unser Kind; wir erniedrigen und stigmatisieren es nicht. Wir mahnen, erklären, und selbst wenn wir strafen, geschieht es mit Liebe und Verständnis.

Ich habe Leute sagen hören: Nichts von dem, was ein Todeskandidat ertragen muss, kann hart genug sein; aber diese Leute scheinen zu vergessen, dass wir zum Tode verurteilt sind, nicht aber zu Jahren der Qual und Erniedrigung. Was für ein unheimlicher Gedanke: Diese Befürworter der Misshandlung von Gefangenen sind überzeugt, dass es als Strafe nicht ausreicht, wenn ein Mensch aus seiner Familie hrausgerissen und gezwungen wird, jahrelang bis zu seiner Hinrichtung beständig seinen Tod vor Augen zu haben. Sind unsere Landsleute denn immerzu auf der Suche nach menschlichen Objekten, an denen sie sich austoben können ? Unsere Vorfahren haben die Natives, die vor uns im Land lebten, fast ausgerottet. Um Profite zu machen, beuteten sie die Sklaven aus und töteten viele von ihnen. Im so genannten Bürgerkrieg haben sich die weißen Herren dann gegenseitig umgebracht. Und sie fuhren fort zu töten: mit vielleicht guten Gründen im Ersten und Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg, mit ganz gewiss schlechten Gründen im Vietnamkrieg. Das Wesen des Tötens wohnt im Herzen unseres Landes, und wenn es gerade keine Kriege gibt, dann müssen andere Amerikaner als Zielscheibe für den Hass der Gesellschaft herhalten - vorausgesetzt, sie sind nicht reich und mächtig.

Die Todesstrafe erstickt eine freie Gesellschaft. In vielen Staaten setzt man sich inzwischen mit den von der Todesstrafe verursachten Problemen auseinander, aber die Auseinandersetzung ist unwahrhaftig: sie zielt nicht auf die Abschaffung des Systems, sondern auf Reparaturen. Und wenn nach diesen kosmetischen Maßnahmen die Befürworter der Todesstrafe behaupten können, dass ihr System jetzt "sauber" und "in Ordnung" ist, ist der schlimmste Alptraum jedes wirklich menschlich Denkenden wahr geworden, denn wenn die Lüge, dass das System jetzt in Ordnung ist, sich erst einmal in der öffentlichen Meinung eingenistet hat, kann es Jahrzehnte dauern, bis die Forderung nach Abschaffung wieder Gehör findet.

Ich hoffe und bete, dass die in anderen Ländern erhobenen Stimmen die wieder erwachende Forderung nach einer Abschaffung der Todesstrafe weitertragen und Amerika so lange beschämen, bis es zur Vernunft kommt.

Der Autor dieses Artikels ist Gene Wilford Hathorn, #800, geboren am 17.9.1960 in Texas. Am 9.10.1984 ermordete er gemeinsam mit James L.Beathard seinen Vater, seine Stiefmutter und seinen Stiefbruder, um an das Erbe zu kommen. Erst nach dem Mord erfuhr er, dass sein Vater ihn einige Wochen zuvor enterbt hatte. James Beathard wurde am 9.12.1999 hingerichtet. Gene Hathorn befindet sich noch im Todestrakt in Livingston.

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